Der wichtigste Mensch

Vielfalt - das Leben ist bunt

in deinem Leben

Ein sehr persönliches Statement

Diesen Spiegel habe ich als Teil meines Vielfalt-Projektes verhüllt aufgestellt. Auf dem Tuch befestigte ich ein Blatt mit folgenden Worten:

„Lüfte das Tuch und entdecke den wichtigsten Menschen in deinem Leben!“

Sich selber wichtig nehmen, Bedürfnisse nicht nur wahrzunehmen sondern auch für sie einzustehen ist nicht – wie uns unsere Mütter nicht müde wurden zu versichern – egoistisch.

Tatsächlich wurde mir als Mädchen (ich bin Jahrgang 63) von klein auf beigebracht, nett und zurückhaltend zu sein, niemals laut und frech. Dann gab es Vorwürfe und Strafen und schon sehr schnell habe ich gelernt, dass meine vorwitzige, neugierige Art mit Menschen in Kontakt zu kommen, unerwünscht ist.

Doch nicht nur die Frauen in meiner Familie vermittelten dieses Bild eines idealen Mädchens. Gleichaltrige Freundinnen be- und verurteilten dererlei Verhalten ganz genau so.

Während ich schon sehr früh im Haushalt mithelfen musste (und ich habe es gehasst) durften meine Brüder unbehelligt spielen und toben. Meine Mutter und die Mütter im gesamten Umfeld waren Musterbeispiele für Care-Arbeit, also die Pflege der Großeltern und natürlich sämtliche Belange, die uns drei Kinder betrafen. Darüber hinaus unterstützte sie meinen Vater in seiner Selbstständigkeit in dem sie den größten Teil der Büroarbeiten übernommen hat, Material zu den Baustellen gefahren hat und natürlich bei jedem Geburtstag im Kreise unsere nicht all zu kleinen Familie anwesend war.

All das war selbstverständlich und nie Anlass von Lob oder gar Unterstützung.

Obwohl ich mich früh gegen dieses Rollenvorbild gewehrt habe, muss ich im Nachhinein feststellen, dass ich doch sehr viel von diesem Frauenbild übernommen habe. Und am Ende hat es mich krank gemacht.

Ich habe in den letzten Jahren lernen müssen, nachzuspüren, was denn nun wirklich das ist, was ich brauche, was mir Freude bringt und was mir gut tut. Und es dann zu tun – ohne schlechtes Gewissen. DAS war und ist für mich tatsächlich das Schwierigste. Mich einfach in meine künstlerische Arbeit hineinfallen zu lassen, ohne dass es ein Ergebnis ist, dass eine Leistung erbracht wurde.

Stand heute Anfang Juli 26 kann ich mit Blick auf die Ausstellung zu Pfingsten im Rahmen von Kunst:offen resümieren, dass gerade viele Frauen von dem wichtigsten Menschen, der ihnen im Spiegel begegnete, sehr berührt waren.

Ein Gedankenspiel: Was wäre, wenn Frauen von heute auf morgen keine Kinder mehr bekommen, keine Care-Arbeit mehr verrichten, keine Familienmitglieder mehr pflegen, keine emotionale oder organisatorische Familienarbeit übernehmen?

Die Weltordnung würde innerhalb kürzester Zeit zusammenbrechen!

  1. Der Alltag würde sofort zusammenbrechen, Kitas, Pflegeheime, Krankenhäuser und Familien bekämen die Auswirkungen sofort zu spüren. Frauen arbeiten in diesen Bereichen oft ohne Lohn bzw. besonders schlecht entlohnt und sind deshalb besonders häufig von Altersarmut bedroht. Die Männer müssten die Arbieten übernehmen und das obwohl kaum Strukturen vorhanden sind, die Care-Arbeit und Erwerbsarbeit vereinbaren.
  2. Die Wirtschaft würde zusammenbrechen. Denn deren „Stärke“ basiert darauf, dass im Hintergrund „jemand den Laden am Laufen hält“. Und das sind Frauen, die kostenlos putzen, kochen, einkaufen, pflegen, planen und organisieren. Oxfarm hat ausgerechnet, dass diese unbezahlte Arbeit weltweit einen Wert von 10 Billionen Dollar hat – also 10 x mehr wie der olle Musk. Fällt diese Arbeit weg, kollabiert die Weltwirtschaft!
  3. Die gesellschaftliche Situation verändert sich grundlegend. Dann wird nämlich klar, dass Beruf und Familie nur funktioniert, weil Frauen den größten Teil selbstaufopfernd übernehmen. Fällt das weg ist schnell klar, dass Politik und Writschaft diesen Part übernehmen müssen und es wird deutlich, dass unsere Gesellschaft von Frauen getragen wird aber von Männern entworfen ist. Und das passt einfach so nicht mehr.
  4. Die langfristigen Folgen wären verheerend. Geburten würden drastisch zurück gehen. Das Sozialsystem kollabiert ohne Pflege und ohne emotionale Arbeit entsteht eine kalte funktionale Welt.

Irgendwann müsste sich die Menschheit entscheiden, ob sie Care-Arbeit bezahlt und wertschätzt oder ihre Menschlichkeit verliert!